Predigt zu Lk 5 am 5. Juli 2026
Liebe Gemeinde,
"Angst ist ein schlechter Ratgeber" sagt man. Das heißt ja nicht, dass Angst an sich schlecht ist. Aber Angst hat, nach allem, was wir biologisch und psychologisch wissen, einen bestimmten Zweck: Es aktiviert die Fluchtmechanismen. Angst schützt uns vor Gefahr, es macht uns bereit zu fliehen oder uns zu verteidigen. Mit Angst führen wir kein entspanntes Leben, planen wir kein gutes Leben, führen wir keine guten Gemeinschaften. Angst ist ein schlechter Ratgeber.
Vertrauen ist ein guter Ratgeber. Es ist das, was uns trägt, wenn wir langfristige Pläne machen. Wenn wir Gemeinschaften und Familien bilden. Wenn wir ein gutes Leben planen.
In unserem Land haben wir zunehmend ein Problem mit Vertrauen. Schon länger fällt Menschen auf, dass die Gartenzäune höher werden, Menschen sich abschotten, das Sicherheitsbedürfnis wächst und Misstrauen zunimmt. Damit geht es uns nicht gut.
Die Finnen dagegen sind das glücklichste Volk der Welt. Das hat unterschiedliche Gründe. Aber ein Deutscher, der seit einiger Zeit in Finnland wohnt, hat beschrieben, wie er die Unterschiede wahrnimmt. In seinem Blog "Post auf Finnland" schreibt der Wissenschaftler Sebastian Wilken "Über das Glück in einer High-Trust-Gesellschaft zu leben." Also über das Glück, in einer Gesellschaft mit hohem Vertrauen zu leben.
Er schreibt: "Ich sitze mal wieder in der Bibliothek. Wenn ich gleich kurz wohin muss, werde ich meinen Laptop und mein Zeug einfach liegen lassen. Wenn ich zum Essen in die Uni-Mensa gehe, lasse ich meinen Rucksack mit Wertsachen einfach an der Garderobe. Und wenn ich auf dem Weg nach Hause noch am Supermarkt halte, lehne ich mein Fahrrad einfach an die Wand, statt es abzuschließen.
Man könnte das leichtsinnig nennen. Aber in Finnland ist das: normal." Eine Gesellschaft mit hohem Vertrauen.
Er schreibt weiter: "Vertrauen ist eine wechselseitige Beziehung. Vertraust du mir, vertraue ich dir. Das gilt nicht nur unter Menschen, sondern auch im Verhältnis zum Staat und seinen Institutionen."
Wenn das gut ist, dann geht es Menschen gut. Und da ist sicher ein Problem. Vertrauen funktioniert nur, wenn wir in beide Richtungen nicht ständig enttäuscht werden. Vertrauen verkraftet auch einmal eine Enttäuschung, sonst wäre es ja kein Vertrauen, sondern Gewissheit.
Aber ständige Enttäuschung vom Staat und seinen Institutionen führt dann auch zu dem, was wir gestern erleben mussten. Dem Parteitag der AfD in Erfurt am 4. Juli 2026, genau 100 Jahre nach dem 2. Reichsparteitag der NSDAP in Weimar. Am 4. Juli 1926 wurden damals der Hitlergruß, die Hitlerjugend und die sog. Blutfahne für die SS beschlossen. Nur wenige Kilometer entfernt von Erfurt. Alles Zufall? Wohl kaum. Das ist sogenanntes Dogwhistling, also die Sprache der Hundepfeife. Alle, die es verstehen sollen, verstehen es - und gegen über allen anderen kann man es abstreiten. Das Signal ist also klar. Eine Nazi-Partei hält einen Naziparteitag.
Der Sozialwissenschaftler Aladin El-Mafaalani hat eine wie ich finde sehr überzeugende Theorie, wie es zu dem neuen Rechtspopulismus in vielen Teilen der Welt kommen konnte. Er sagt, Menschen, die vor allem misstraut haben, waren über Jahrhunderte nicht erfolgreich. Erfolg hatte nur, wer vertraut hat. Denn nur mit Vertrauen kann man funktionierende Gemeinschaften bilden. Wer den anderen dagegen misstraute, war nicht gemeinschaftsfähig. Er oder sie musste sich zurückziehen und war vermutlich einsam und verbittert. Das hat sich mit dem Aufkommen der sogenannten "Sozialen Medien" im Internet verändert. Dort können sich Menschen aller Art treffen und dort haben sich Menschen gefunden, die vorher nirgendwo andocken konnten: Menschen, die misstrauen. Sie haben keine besondere Haltung, keine besondere Position, sie misstrauen einfach allem. Und im Netz, da konnten sie Gemeinschaften bilden, Gemeinschaften, die aus nichts zusammen gehalten werden als dem Misstrauen, in dem sie sich gegenseitig stärken. Das sind Misstrauensgemeinschaften, das ist der Rechtspopulismus.
Und das Schlimme ist natürlich, dass es Menschen gibt, die dieses Misstrauen für sich ausnutzen. Das sind die Milliardäre aus dem Silicon Valley. Die Technokraten, die keine Gesetze und Regeln akzeptieren wollen. Es sind die im Moment vielleicht mächtigsten Menschen dieser Welt hinter den Konzernen von Facebook und Whatsapp, bis zu Amazon. Elon Musk, Marc Zuckerberg, Jeff Bezos, um mal drei Namen zu nennen.
Und das sind die Rechten, die die Demokratie stürzen wollen, ihnen kommt das Misstrauen gelegen wie ein gefundenes Fressen. Misstrauen zerstört Gemeinschaften, es zerstört die Demokratie. Und unsere aktuelle Regierung wirft dazu auch noch Kohlen ins Feuer.
Sie merken, das beschäftigt mich und ich finde es schrecklich und verheerend.
Kommen wir endlich zum Predigttext und zum Gegenmittel: Vertrauen heilt. Vertrauen ist ein Wagnis, ja, ein Abenteuer. Es kann enttäuscht werden. Aber da, wo wir Vertrauen wagen, da können wir Gemeinschaft und Glück erleben. Vielleicht erst einmal im Kleinen.
Simon Petrus vertraut. Er vertraut nicht grundlos. Sondern er kennt Jesus. Jesus hat zuvor sogar schon seine Schwiegermutter geheilt. Und als Jesus ihn bittet, nach seiner Rede mit dem Boot weiter raus zu fahren und zu fischen, da sagt er: "Meine Erfahrung ist eine andere. Die ganze Nacht haben wir es versucht. Aber weil du es sagst, will ich die Netze auswerfen." Weil du es sagst. Du, der du hier in meinem Boot bist. Du, dem ich vertraue. Natürlich riskiert er auch was. Das Ufer ist voller Leute, da riskiert er als Fischer zumindest sich lächerlich zu machen, wenn er die Netze auswirft und nichts fängt.
Aber es kommt anders. So anders als er erwartet hat, dass er von dem Erfolg vollkommen überrascht wird. Zwei Boote voller Fische. So voll, dass sie fast untergehen. Das ist mehr als erwartet hat und: Ihm wird deutlich, dass Gott selbst da in seinem Boot gegenwärtig ist. Er bekommt es mit der Angst zu tun. Jakobus und Johannes ging es ebenso, heißt es.
Überrascht vom Ergebnis des eigenen Vertrauens. Ist das nicht schön? Ist das nicht etwas, das wir uns auch wünschen?
Und Jesus nimmt ihnen die Angst, er macht sie zu Menschenfischern, sie folgen ihm nach. D.h. sie werden seine Schüler, sie wollen seinen Weg, sein Gottvertrauen lernen. Sie wollen lernen, davon nicht überfordert zu sein, sondern davon getragen zu werden. Vertrauen heilt den erfolglosen Tag dieser drei Fischer, die da morgens vermutlich entmutigt und frustriert ohne Fische am Ufer saßen. Ihr Leben bekommt eine Wendung, einen neuen Sinn, eine Richtung. Weil sie Vertrauen gewagt haben.
Glauben ist ein Abenteuer, ein Wagnis. Aber eines, das Menschen und Gemeinschaften heilt. Trotz allem, was uns auf dem Weg auch überfordern kann, und das kann viel sein. Es lohnt sich. Das erzählt der große Fischzug des Petrus.
Ein letztes noch: "Da zogen sie die Boote an Land, ließen alles zurück und folgten ihm." Was ist eigentlich mit den Booten voller Fische, die sie da am Ufer zurücklassen? Meine Frau und ich haben darüber nachgedacht. Und wir als moderne Mitteleuropäer kamen kurz auf die Idee, dass das alles verdorben ist. Das ist natürlich Quatsch. Kein Mensch der Antike würde zwei Boote voller Fische verderben lassen. Diese Boote werden die Familien der drei und das ganze Dorf lange satt gemacht haben. Fische konnte man auch damals schon trocknen und pökeln. Jeder Tag wird für lange Zeit ein Fest gewesen sein, weil sie zu essen hatten. Sie werden gefeiert haben, einfach weil sie in Fülle hatten. Weil es ihnen gut ging.
Aber das ist gar nicht beschrieben. Warum? Weil die drei frischgebackenen Jünger Simon, Jakobus und Johannes das alles zurück ließen und Jesus folgten. Weil das, was sie erlebt hatten und was sie erleben werden, noch schöner und größer war jedes Festessen. Und es begann alles damit, dass sie Jesus in ihr Boot ließen und ihm vertrauten. Amen.