Kirche und bunte Orte des Zusammenseins
Predigt am 8. März 2026 zu Lk 9,57-62 anlässlich der Entwidmung des Martin-Niemöller-Hauses der Ev. Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden (Ev. Kirchenkreis Dinslaken).
(aktualisiert nach dem gesprochenem Wort)
Einleitung
Liebe Gemeinde,
auf der Zukunftssynode 2024 haben Menschen aus unserem Kirchenkreis Dinslaken drei Leitsätze verabschiedet. Einer von ihnen heißt:
„Wir brauchen keine Kirchen, sondern bunte Orte des Zusammenseins, die für jeden offen sind.“
Ja, und jetzt haben wir den Salat. Heute entwidmen wir einen Kirchraum.
Nun muss ich der Vollständigkeit halber zugeben, dass es diese Entwidmung heute auch ohne diesen Leitsatz gegeben hätte.
Aber ich denke, er ist doch hilfreich. Einmal, um sich daran zu stoßen und dann auch, um damit weiterzudenken.
So möchte ich in einem ersten Schritt dem Ärger und der Trauer über den ersten Halbsatz „wir brauchen keine Kirchen“ Raum geben. Ärger und Trauer, die manche hier heute vielleicht spüren.
Aber in einem zweiten Schritt möchte ich dann auch der zweiten Hälfte dieses Leitsatzes nachgehen und darüber sprechen, warum darin auch Wichtiges und Richtiges festgehalten ist.
1. Brauchen wir keine Kirchen?
Zum ersten Halbsatz: Brauchen wir keine Kirchen?
In unserer 3D-Welt ist es so, dass Menschen Räume brauchen. Räume, die Orientierung bieten, Räume die Schutz bieten und auch Räume, die Platz bieten für den Glauben.
In den warmen Gefilden des frühen Judentums kamen die Menschen vermutlich auch recht lange ohne Gebäude, also ohne umbauten Raum aus. Das war bei den Christinnen und Christen in Mitteleuropa von Anfang an anders. Hier waren die Winter bitterkalt und die kriegerischen Auseinandersetzung stark. Kirchgebäude waren für Gemeinschaften ein hochwillkommener Schutz. Im Turm konnte man Ausschau nach Feinden halten, hinter dicken Mauern waren die Menschen vor Wetter und Feinden geschützt, nicht nur Sonntags.
Menschen brauchten also Kirchen und das dann auch am Sonntag. Am Sonntag haben Christinnen und Christen erlebt, wie sie selbst Teil von Gottes Geschichte wurden.
Auch hier in diesem Raum, in dem Gemeindezentrum, das bald Martin-Niemöller-Haus genannt wurde, wurden kleine und große Menschen getauft, konfirmiert, getraut, haben zusammen gefeiert, getrauert und geweint. Kurz, sie haben Leben und Glauben geteilt und damit ein bisschen Lebensgeschichte mit diesem Ort verbunden und ein bisschen Heimat, ein Zuhause gewonnen.
Es erfüllt mich und sicher auch viele andere mit Dankbarkeit, dass das auch an diesem Ort gelungen ist. Dass er für jetzt fast 50 Jahre ein Stück Zuhause war. Ein Ort, an dem Menschen sich gerne aufgehalten haben und Gemeinschaft gelebt haben.
Umgekehrt spüren wir dann auch die Trauer des Abschieds, dass die gottesdienstliche Gemeinschaft, wie es sie hier in genau diesem Raum zu vielen Zeiten gab, in Zukunft nicht mehr geben wird.
Der folgende Satz ist der, der ein bisschen klingt wie in einer Trauerfeier und der auch so gemeint ist:
Diese hoffentlich guten Erinnerungen an diesen Raum nehmen Sie mit, und diese Erinnerungen kann Ihnen auch keiner nehmen.
Ich halte fest: Menschen brauchen Kirchen, Menschen konnten diesen Kirchraum gut gebrauchen und es tut weh, ihn zu verlieren.
2. Gott braucht keine Gebäude
Kommen wir also zu dem zweiten Teil des Leitsatzes. Dazu, warum wir heute weniger Kirchen und mehr bunte Orte brauchen und warum ich unserer Synode da zustimme.
Dabei ist theologisch eines wichtig festzuhalten: Menschen brauchen Kirchen und Kirchgebäude. Gott braucht sie nicht.
Alle Kirchen sind wie alle Synagogen nach dem Urbild des Jerusalemer Tempels gebaut. Und wenn wir in die jüdische Bibel schauen und nachschauen, warum der erste Tempel in Jerusalem gebaut wurden, dann stellen wir fest: Weil König David das so wollte.
Und er wurde gebaut, obwohl Gott ihn eigentlich nicht brauchte. Der Tempel war ein Zugeständnis Gottes an sein Volk, das David selbst noch nicht einlösen durfte, sondern das dann seinem Nachfolger König Salomo vorbehalten war.
Gott hatte der Überlieferung nach sein Zuhause in einem Zelt. In der Stiftshütte, die mit dem Volk Israel umherzog. Und wenn man so das Kapitel liest, in dem David Gott vorträgt, dass er ihm jetzt ein Haus bauen möchte, kann man sich schon fragen, ob Gott von dieser Idee nicht recht amüsiert ist. 2. Samuel 7 ist das. Da spricht Gott so nach dem Motto: „40 Jahre lang habe ich mich in diesem Zelt ganz wohl gefühlt. Und jetzt wollt ihr mich in ein Haus stecken?“
Könige und Menschen brauchen Paläste, Tempel und Kirchen. Gott braucht sie nicht, eigentlich braucht auch der Glaube sie nicht.
Das finden wir dann auch in dem Evangelium für den heutigen Sonntag, in Lukas 9 wieder. Wir haben den Text gerade gehört. Menschen wollen Jesus nachfolgen, seine Schülerinnen und Schüler werden und Jesus sagt: Das ist gar nicht so einfach, ich habe nämlich kein Zuhause. Das seid ihr überhaupt nicht gewohnt.
Jesus lebt den Glauben an seinen Vater absolut und vollständig und er hat kein Dach über dem Kopf, keinen Bau wie die Füchse und kein Nest wie die Vögel. Sein Glaube braucht keinen Schutz und kein Zuhause.
Er lebt wie der Gott Israels im Exodus: Bei seinen Menschen, unter offenem Himmel und unterwegs auf Wanderschaft.
Wenn wir als Christinnen und Christen den Weg Jesu Christi für unsere Nachfolge ernst nehmen, dann werden wir den Lebensstil Jesu wahrnehmen und uns zumindest fragen müssen, ob wir es in Mitteleuropa in den letzten Jahren nicht ein wenig übertrieben haben: Eine Kirche alle 2km? Was ist mit der Wanderschaft zum Tempel geworden, der Pilgerschaft Jesu Christi, in der Menschen zusammen lange Wege auf sich nahmen, um ihren Glauben zu leben?
Dazu haben wir aus der Perspektive des Klimawandels heute Städte, die voll sind von Gebäuden: Unsere Städte sind voller versiegelter Flächen. Teer und Beton, die die Versickerung von Regenwasser verhindern und die die Hitze im Sommer hochtreiben.
Aus heutiger Sicht war vielleicht nicht jedes Gemeindehaus notwendig. Und es ist heute auch gut, wenn wir mit unseren Grundstücken in der Stadt Platz lassen zum Atmen und Sein für Mensch und Natur.
„Wer die Hand an den Pflug legt und zurückschaut,
der eignet sich nicht für das Reich Gottes.“, sagt Jesus.
Heute pflügen wir nicht und von daher können wir zurückschauen, uns über das Geschaffte freuen und auch trauern über das, was wir verlieren.
Aber ab morgen, da pflügen wir wieder und das heißt, wir schauen noch vorne, um zu schauen, was die Ochsen da machen und nicht mehr zurück.
3. Bunte Orte des Zusammenseins
Und dann steuern wir wieder auf das m.E. schon richtige Ziel zu: „bunte Orte des Zusammenseins, die für jeden offen sind.“
Und auch wenn wir vielleicht nicht die Offenheit des Wanderpredigers Jesus haben, unter freiem Himmel mit Menschen Gottes Nähe zu leben, so wollen wir doch mehr als dass Menschen nur für eine kurze Stunde Gottesdienst von Gottes Nähe hören. Dieses Angebot ist in der Vergangenheit immer weniger angenommen worden.
Wenn wir dieses Haus hier erhalten, dann erhalten wir nicht nur das wunderbare Außengelände, in dem in den offenen Böden der Regen versickert, die Vögel in den Bäumen nisten und Kinder auf der Wiese spielen. Wir wollen auch das erhalten und wiederbeleben, was es sicher auch einmal war: Ein offenes Zuhause, in dem ganz verschiedene junge Menschen sich gerne treffen, wo sie eine freundliche Umgebung und ein Stück Heimat finden. Wo sie zusammen sind, Gemeinschaft pflegen mit allem, was dazu gehört und wo sie hoffentlich, wenn sie möchten, auch eine aktive Kirche finden.
Damit meine ich nicht das Gebäude, nicht den Gottesdienstraum, sondern die Gemeinschaft hier. Eine Gemeinschaft, die die Nachfolge Jesu Christi so lebt, dass sie den offenen Himmel zeigt; so lebt, dass sie den Menschen hilft und Gott die Ehre gibt.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.